Einfluss des Lebensstils auf die Insulintherapie

Vor einigen Tagen fragte mich eine Patientin in der Ambulanz, wie sie das Dilemma mit ihrem Gewicht verbessern kann, wo doch ihre Insulintherapie das konsequente regelmäßige Essen als Teil der Einstellung sieht. Die Diätologin unserer Ambulanz hatte ihr zuvor empfohlen, die fetten Kohlenhydrate zu reduzieren und insgesamt ihre Kalorienzufuhr deutlich zurückzunehmen. Natürlich können wir auch ihre Insulintherapie strukturiert an solche veränderten Umstände dosisbezogen anpassen, allerdings setzt dies bei einer „KONVENTIONELLEN Insulintherapie mit 2 × tgl. MISCHINSULIN, wie sie die Patientin zu diesem Zeitpunkt konsequent praktizierte, eine auch wiederum konsequente Ernährungsumstellung ohne signifikante Ausnahmen voraus. Dies ist im Alltag allerdings in den seltensten Fällen wirklich langfristig möglich. Vielleicht klingt dies für Sie als Leser oder Leserin zu pessimistisch, allerdings versuchen mein Team und ich in der Regel Therapien zu nützen, die auch größtmögliche Flexibilität im Alltag erlauben. Gewiss wird es Betroffene geben, die einen derart rhythmischen Lebensstil haben, dass sich auch die zuvor genannte Therapie im Alltag gut bewähren wird.


Flexibilität im Lebensstil ist meist ein für unsere Therapiewahl entscheidender Faktor. Unter dem Begriff Lebensstil fassen wir im Wesentlichen zwei Punkte zusammen: Ernährung und Bewegung. Zusätzlich kommen dann noch besondere Lebenssituationen hinzu, die zudem ein Maß an Therapieflexibilität verlangen. Vor allem Krankheiten seien an dieser Stelle erwähnt, die durchaus auch den Bedarf an Insulin deutlich erhöhen können.


Wenn unsere betroffenen insulinpflichtigen Diabetiker einen nicht ganz so regelmäßigen Lebensstil pflegen, sollte mit dem betreuenden Team, dem Hausarzt, dem Internisten oder auch der Diabetesambulanz ganz proaktiv angesprochen werden, ob die aktuell gewählte Form der Insulinbehandlung wirklich das optimale Instrument für den Alltag darstellt.


In Österreich waren wir sehr lange ein Land, das die Mischinsulintherapie bevorzugte. Aufgrund der Einfachheit nahmen wir diesen Weg. Die mangelnde Flexibilität war aber immer ein Schwachpunkt. Heute hat allerdings die Basis-Bolus-Therapie zunehmend an Beliebtheit gewonnen, da uns dabei ein hohes Ausmaß an Variation in Dosis und Spritzzeitpunkt gegeben ist.


Die dabei heute eingesetzten Insuline haben sehr große Vorteile. Im Basalbereich (FASTENBEDARF) – das heißt, das Insulin deckt ohne KOHLENHYDRATE den Grundbedarf an Insulin ab und beeinflusst aktiv den NBZ als wichtigsten Punkt – haben wir mit den langwirkenden Analoga sehr sichere und einfach zu handhabende Instrumente zur Hand. Von Lantus®, Semglee®, Levemir®, Toujeo® bis hin zu Tresiba® stellen diese Insuline hier gute Werkzeuge dar. Sie sind hinsichtlich ihrer Hypogefahr und Stabilität im Wirkprofil auch bei deutlich reduzierter Aufnahme von Kohlenhydraten in der täglichen Ernährung sehr gut zu verwenden.


Damit verbunden ist der Einsatz von Bolusinsulin sehr individuell zu gestalten. Wenn Mahlzeiten ausgelassen werden, kann – vorausgesetzt, der BZ befindet sich im Zielbereich – auch auf dieses Bolusinsulin verzichtet werden. Hier sind die bekannten NovoRapid®, Apidra®, Humalog® und die ultraschnellen Insuline Lyumjev® und Fiasp® anzuführen. Damit gelingt es uns auch, das BZ-Regulationssystem durch Insulin dem eines gesunden Menschen etwas näherzubringen, wenngleich natürlich noch viele zusätzliche Einflussfaktoren von uns Diabetikern nicht immer leicht einzubeziehen sind.


Allerdings kann man mit dieser Form der Insulinunterstützung auch als Typ-2-Diabetiker sehr gut zurechtkommen (EINSCHULUNG vorausgesetzt). Die eigenen Erfahrungen helfen dann zudem mit, den diabetischen Alltag sicherer zu bewältigen.


Diese Therapieform erlaubt uns auch, ganz gezielt zu fasten und so Gewicht zu reduzieren. Vermehrte körperliche Aktivität, nicht nur im Rahmen unserer Freizeit (Spaziergänge, Wanderungen Radtouren …), sondern auch im Haushalt lassen sich damit besser gestalten als mit einer fixen MISCHINSULINTHERAPIE.


Wenn der Wunsch oder auch die medizinisch dringende Notwendigkeit einer Gewichtsreduktion zur Diskussion steht, kann und sollte das betreuende Diabetes-Team natürlich auch die Schiene der GLP-1-Agonisten-Behandlung in Ergänzung und Erweiterung der Insulin- und/oder Tablettentherapie für die Typ-2-Diabetiker in Erwägung ziehen und ansprechen. Mit dieser in der Regel einmal pro Woche zu injizierenden Medikation gelingt es in den meisten Fällen, deutlich Gewicht abzunehmen und damit verbunden die Insulindosis zu reduzieren. Nicht nur der bei dieser Therapieform reduzierte Appetit bzw. das früher einsetzende Sättigungsgefühl, sondern vielmehr auch die letztendlich reduzierte Insulindosis hilft beim positiven Effekt auf das Gewicht.


Generell ist anzuführen: Je weniger Insulin ich brauche, um ausgeglichene, im ZIELBEREICH befindliche BZ-WERTE zu erreichen, desto günstiger ist es für das Körpergewicht. Körperliche Aktivitäten helfen nicht immer in erster Linie, indem wir dadurch viel „FETT VERBRENNEN“, sondern vielmehr dadurch, dass bei diesen Aktivitäten die Insulinempfindlichkeit steigt und somit weniger Insulin in Summe erforderlich ist.


Daher haben wir unserer Patientin von Beginn an empfohlen, die MISCHINSULIN-Therapie zu verlassen und eine BASIS-BOLUS-Strategie zu wählen. Es wurde eine kalorien- und kohlenhydratbewusste Ernährung besprochen, die dann von der Patientin über mehrere Wochen hindurch umgesetzt wurde. Dabei kam es zu keinen signifikanten Hypos, da wir innovative Insuline im Einsatz hatten. Zuletzt war die Akzeptanz der Umstellung vor allem deshalb so gut, weil es der Patientin möglich war, auch ohne eine Verschlechterung der BZ-Situation sich einzelne seltene ERNÄHRUNGSAUSNAHMEN (bei ihr waren es vor allem „Mehlspeisen“) zu gestatten.


In Summe war die Insulindosis allerdings deutlich geringer als unter der fixen MISCHINSULINTHERAPIE, und wie so oft hat eine Option mit mehr Flexibilität für den Alltag auch ein besseres Ergebnis für das HbA1c und Gewicht erbracht.

Dr. Schelkshorn

Prim. Dr. Christian Schelkshorn

seit 40 Jahren Typ-1-Betroffener 
seit 24 Jahren Internist und Diabetologe

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