Der Urlaub beginnt bekanntlich in dem Moment, in dem die liebe Frau beschließt, dass er beginnt. In unserem Fall bedeutete das: „Pack die Wanderschuhe ein. Wir fahren nach Tirol.“ Eine Mitteilung, die kaum Raum für Diskussionen ließ. Schließlich leben wir in Österreich. Und Österreich – so die liebe Frau mit jener Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen feststellen, dass Wasser nass und der Himmel blau ist – sei nun einmal ein Wanderland.
Der Dackel und ich nahmen diese Entscheidung mit jener stoischen Ergebung hin, die langjährige Ehepartner und kurzbeinige Hunde entwickeln, wenn sie wissen, dass Widerstand zwecklos ist.
Und so befinden wir uns nun tatsächlich in den Tiroler Bergen. Genauer gesagt im Tiroler Unterland in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kitzbühel. Dort gibt es Wanderungen für jeden Geschmack, jedes Alter und die unterschiedlichsten körperlichen Konditionen. Gemütliche Touren rund um den Schwarzsee, Wanderungen zur Bichlalm mit herrlichen Ausblicken oder Panoramastrecken am Hahnenkamm, bei denen einem schon bei den Namen der umliegenden Berge leicht die Puste ausgeht.
Die liebe Frau hatte allerdings – wie sie betonte – „extra für mich“ eine leichte Tour ausgesucht.
„Wir gehen heute von der Ehrenbachhöhe zur Pengelsteinhütte“, erklärte sie beim Frühstück in unserer Pension. „Ganz gemütlich. Auch ältere Menschen schaffen das problemlos.“
„Wie beruhigend“, murmelte ich.
Der Dackel hoffte währenddessen noch auf ein zweites Frühstück von unseren Tellern und hatte noch nicht die leiseste Ahnung davon, was ihn heute erwartet.
Die Tour begann erfreulicherweise recht human. Breite Wanderwege, sanfte Anstiege, Almwiesen und überall diese beeindruckende Bergkulisse. In der Ferne ragten der Wilde Kaiser, die Loferer Steinberge und die Hohen Tauern in den Himmel. Selbst ich musste zugeben: Dafür konnte man schon einmal ins Schwitzen geraten.
Wandern sieht zwar gemütlich aus, bringt körperlich aber durchaus einiges. Herz und Kreislauf werden trainiert, die
Bein- und Rückenmuskulatur gestärkt und die Ausdauer verbessert. Gleichzeitig ist es gelenkschonender als viele andere Sportarten.
Bereits nach der ersten halben Stunde meldete meine Smartwatch, dass ich über 300 Kalorien verbrannt hätte. „Na schau“, meinte die liebe Frau zufrieden, „es wirkt schon.“ Ich schnaufte tapfer weiter und tat so, als wäre das reine Sportlichkeit und nicht der verzweifelte Versuch meines Körpers, eine ausreichende Sauerstoffversorgung aufrecht zu erhalten.
Laut Wanderschild betrug die Gehzeit etwa eineinhalb Stunden. Also hin. Nicht hin und retour. Beim Dackel jedoch meldeten sich längst vergessen geglaubte Jagdinstinkte. Murmeltiere! Sehr, sehr interessant. Das musste ausgiebig untersucht werden. Und das dauert bei einem Dackel. Und so wurde aus der angegebenen Gehzeit zunehmend ein sehr, sehr theoretischer Richtwert.
„In dem Tempo erreichen wir die Hütte pünktlich zum Abendessen“, bemerkte ich vorsichtig.
„Dann trag ihn halt ein Stück“, meinte die liebe Frau mit jener Gelassenheit, die Menschen entwickeln, wenn sie nicht selbst einen Dackel schleppen müssen.
Herumschnüffeln ist für einen Dackel großartig. Herumgetragen werden jedoch phantastisch! Also hockte er in meinem Rucksack und genoss von dort aus die Aussicht wie ein kleiner König. Ein recht schwerer König allerdings.
Aber Wandern ist nicht nur anstrengend. Es hat definitiv auch psychische Vorteile. Man bewegt sich an der frischen Luft, sieht ständig neue Landschaften, hört Kuhglocken, riecht Almwiesen und denkt plötzlich einmal an etwas anderes als Rechnungen, Termine oder E-Mails. Der Kopf wird tatsächlich frei dabei. Selbst meiner.
Nach deutlich mehr als eineinhalb Stunden erreichten wir schließlich die Pengelsteinhütte. Die Aussicht auf die umliegenden Berge war grandios, die Brettljause hervorragend und der Dackel beleidigt, weil für ihn nicht so viel abfiel, wie er sich nach dieser „Anstrengung“ erwartet hätte.
Der Rückweg verlief erstaunlich flott. Was vermutlich daran lag, dass ich ein klares Ziel vor Augen hatte: die Pension. Denn nach mehreren Stunden Wandern freut man sich plötzlich auf ganz einfache Dinge. Auf eine Dusche beispielsweise. Und auf Kasspatzln! Und über ein kühles Bier, das erst so richtig gut schmeckt, wenn man wirklich ausgepowert ist. Aber vielleicht nicht einmal so sehr auf diese Genüsse. Sondern einfach wegen des angenehmen Gefühls, sie sich heute redlich verdient zu haben.
