Innovationen

Nachdem ich bei meinen letzten Ausführungen die Fragen unserer Leserschaft bezüglich der zuletzt beinahe durchgehenden Lieferprobleme bei verschiedenen Medikamenten aus dem Bereich der Typ-2-Therapie behandelt und dabei durchaus auch von Typ-1-Betroffenen Reaktionen vernommen habe, darf ich heute eben diesen Typ-1-Diabetes in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen.


Die Innovationen, die in den letzten Jahren unseren Alltag als Typ-1-Diabetiker maßgebend verändert haben, waren nur der Einstieg in eine neue Welt, die aber auch vielen Typ-2-Diabetikern offensteht. Die Entwicklung geht rasant weiter und zeigt vor allem in drei Bereichen große Fortschritte. In weiterer Folge möchte ich diese drei Bereiche kurz anschneiden und damit sicher auch noch einigen Stoff für Fragen eröffnen.


Die erste Innovation in den vergangenen Jahren, die Verbesserung der Insuline, ist vielen vielleicht gar nicht so bewusst geworden. Wenn wir allerdings die Insuline der Vergangenheit im Bezug auf ihre geplante und vorhersehbare Wirkprofile analysieren, so sehen wir, dass sie leider von einer hohen Wirkvariabilität gekennzeichnet waren. Für uns als Anwender hieß das, dass wir sehr unterschiedliche Wirkungen bei ein und derselben Dosis beobachten mussten. Zusätzlich war es im Hinblick auf die Wirkprofile notwendig, die Basalinsuline zu relativ fixen Zeiten zu verabreichen, um die Variabilität des Wirkprofils nicht noch zusätzlich negativ zu beeinflussen.


All dies ist bei den innovativen Basalinsulinen (Tresiba® und auch Toujeo®) nicht mehr gegeben, und wir haben hinsichtlich des Wirkprofils eine ganz geringe Variabilität und bei Tresiba® auch eine hohe Flexibilität in der zeitlichen Gabe. All dies führte im Zusammenhang mit der Basalinsulinversorgung zu einem wirklichen Paradigmenwechsel in der funktionellen Insulintherapie (FIT). Besonders sei bei dieser Innovation auch der zusätzliche Sicherheitsfaktor der geringen Hypoglykämie-Gefahr an dieser Stelle erwähnt.


Durch die Einführung der ultrakurz wirkenden Insuline (Fiasp® und Lyumjev®) für den Bolus- und Korrekturbedarf hatten wir anfänglich die Hoffnung, den Spritz-Ess-Abstand endgültig vergessen zu können. Dem ist aber sicher nicht so, wenn wir vor der Gabe nicht einen sehr niedrigen BZ-Ausgangswert aufweisen. Ansonsten ist für eine optimale Abdeckung des Profils nach dem Essen ein individueller Abstand je nach Ausgangs-BZ erforderlich.


Im Bereich der Basalinsuline ist, so denke ich, nicht mehr sehr viel an Innovation zu erwarten. Das in naher Zukunft in der klinischen Praxis erwartete, einmal wöchentlich zu verabreichende Basalinsulin Insulin icodec wird für mich eher im Typ-2-Bereich Eingang finden, v. a. auch in Kombination mit dem einmal wöchentlichen GLP-1-Agonisten. Eine Innovation, die wir v. a. für die kurzwirkenden Insuline für die Zukunft erhoffen, könnte natürlich auch im Langzeitinsulin Anwendung finden. Die Wirkung setzt bei BZ-Abfall in den hypoglykämischen Bereich aus, und somit können bei Einsatz solcher „Smart Insuline“ ausgeprägte Hypoglykämien proaktiv verhindert werden. Dies würde in beiden Insulingruppen einen deutlichen Vorteil bringen.


Hier versuchen sich viele Forschungsgruppen weltweit, eine unmittelbare klinische Umsetzung ist aber noch nicht am Horizont zu sehen. Ebenso gibt es in frühen klinischen Untersuchungen bereits Erfahrungen mit Insulinen, die um ein Vielfaches rascher ihre blutzuckersenkende Wirkung einfalten und somit viel deutlicher und einfacher als jetzt für Diabetiker das BZ-Profil eines Gesunden erreichbar machen könnten. Hier können wir auch den Bogen zur nicht medikamentösen, sondern vielmehr technischen Innovation der Zukunft schlagen. Diese Technik ist in den Insulinpumpen in Kombination mit Blutzuckersensoren zu finden. Jede Technik ist in ihrem Ergebnis nur so gut wie die verwendeten Insuline. Wenn hier auch bereits heute die Systeme mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz (KI) in Hybrid-Closed-Loop-Systemen erstaunlich vieles selbstständig übernehmen können, so bleibt der unphysiologisch verzögerte Eintritt der Insulinwirkung und die nicht lückenlose Verhinderung von Hypoglykämien ein noch ungelöstes Problem.


Die Sensoren mit einer aktuell maximalen Liegedauer von 2 Wochen werden sich ebenfalls noch deutlich verändern. Sie werden kleiner, genauer, um vieles länger verwendbar und vor allem einfacher in der Kommunikation mit unseren mobilen Geräten, sei es Handy oder Smart/Apple Watch.


Am Ende des Tages ist es das Ziel der Wissenschaft, uns Diabetikern ein System zur Verfügung zu stellen, das keine proaktive Eingabe der Kohlenhydratmenge bei einer Mahlzeit mehr voraussetzt und bei dem der Bolus- und Korrekturrechner im Hintergrund arbeitet und uns nur das Ergebnis anzeigt. Dafür ist jedoch nicht nur die bereits genannte KI erforderlich, sondern als elementarer Bestandteil auch ein optimiertes, schnell wirkendes Insulin.


Trotz all der Möglichkeiten eines optimierten Insulin-Pumpen-Systems wird es immer notwendig sein, dass alle Typ-1-Betroffenen den Basis-Umgang mit einem Insulinpen kennen müssen, um im Notfall auch auf die „klassische“ Weise ihr erforderliches Insulin zuführen zu können.


Bereist in naher Zukunft sind Systeme zu erwarten, welche die Vorteile eines Hybrid-Closed-Loop-Systems auch ohne Katheter ermöglichen, wenngleich aktuell und auch in nächster Zukunft keines der Systeme einfach für jeden geeignet sein wird. Wir benötigen in unserem Angebot verschiedene Systeme, um auf die verschiedenen Bedürfnisse unserer Typ-1- Betroffenen bestmöglich eingehen zu können. Dies ist ein wenig auch an unsere Kostenträger, die Krankenkassen, gerichtet. Ich hoffe sehr, dass wir auch in Zukunft die verschiedenen auf uns zukommenden Innovationen einsetzen können – trotz der Tatsache, dass Innovationen am Beginn gewiss kostenintensiver sind als alte, bereits etablierte Therapiemodelle. Hier erwarten wir als betreuende Teams in Ordinationen und Ambulanzen mehr Engagement vonseiten der Krankenkassen, da wir durch den Einsatz dieser neuen Entwicklungen unserem Ziel einer Normoglykämie immer näherkommen und somit nicht nur die unmittelbare Lebensqualität, sondern vielmehr auch die Gesundheitsvorsorge für all die betroffenen Typ-1-Diabetiker verbessern können.


Dr. Schelkshorn

Prim. Dr. Christian Schelkshorn

seit 40 Jahren Typ-1-Betroffener 
seit 24 Jahren Internist und Diabetologe

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