Welche Ziele haben wir in der Therapie?

Ich darf mich heute nach einer etwas längeren Pause wieder bei Ihnen zurückmelden. In den vergangenen Monaten bin ich immer wieder mit einer für mich, ich gebe es unumwunden zu, etwas erstaunlichen Frage von Patienten konfrontiert worden. Was mache ich, wenn ich das Therapieziel erreicht habe? In Kenntnis der Tatsache, dass bei einer chronischen Erkrankung die Therapie nicht gänzlich pausiert werden kann, so kommt doch immer wieder die Frage, ob nicht bei derart exzellenten Werten im Bereich des Blutzuckers, des Blutdruckes und vor allem gehäuft auch bei den Blutfettwerten, hier besonders betreffend das Cholesterin, zumindest eine Therapiereduktion erwogen werden kann. 


Ich darf in weiterer Folge diese drei Themen einzeln erörtern und zuletzt dann noch einen zusätzlichen, bis jetzt noch nicht genannten Aspekt hinzufügen.

Betreffend die BZ-Thematik ist es uns gelungen, durch die Einbindung von innovativen Therapiekonzepten und unterstützenden Techniken wie zum Beispiel Blutzuckersensoren den durchschnittlichen Blutzucker in einen nahezu normalen Bereich zu bringen. Vielfach gelingt es, die begleitenden Risikofaktoren wie Übergewicht und Fettleibigkeit zu reduzieren und dadurch den medikamentösen Aufwand in der Behandlung ebenfalls zu vermindern. Wir sprechen dabei zwar nicht von einer HEILUNG des DIABETES TYP 2, allerdings, sobald der Langzeitblutzucker unter 5,7 % sinkt, von einer „therapeutischen Remission“.


Das deutet darauf hin, dass es gelungen ist, den Blutzucker in einen vollkommen normalen Bereich zu bringen. Aber wie die Bezeichnung aber auch sagt, ist dies durch therapeutische Maßnahmen gelungen. Das bedeutet, dass diese die Voraussetzung für das Verbleiben in diesen optimalen Bereichen sind, also ein generelles Absetzen jeglicher Therapie nicht langfristig zielführend ist.


Natürlich spielen in diesem Bereich ganz besonders Lebensstilmaßnahmen eine wichtige Rolle. Diese sind genauso Voraussetzung für das Verbleiben in dieser Form der optimalen Einstellung. Ändern sich die Lebensumstände, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit zur Notwendigkeit einer neuerlichen Erweiterung der medikamentösen Therapie.


Da wir alle aber eine schleichende Verschlechterung der Blutzuckerspiegel nicht spüren, ist es eine GOLDENE REGEL, auch im Rahmen einer therapeutischen REMISSION das regelmäßige Messen der BZ-WERTE beizubehalten. Wir können die Frequenz der BZ-Messungen reduzieren, von Sensor auf Streifen wieder umstellen, aber bitte nie ganz aufhören zu kontrollieren. 4 bis 6 Messungen pro Woche mit nüchtern und vor allem auch zwei Stunden nach dem Essen gemessenen Werten stellen ein Sicherheitsnetz dar, um nicht beim Routine-HbA1c alle 3 bis 4 Monate eine böse Überraschung zu erleben.
Beim zweiten Bereich BLUTDRUCK verhält es sich sehr ähnlich. Immer wieder beobachte ich eine deutliche Divergenz zwischen dem, was der Medikamentenplan beinhaltet, und was der oder die Betroffene tatsächlich einnimmt. Ich möchte auch an dieser Stelle besonders darauf hinweisen, dass das Erreichen des Zielblutdruckes nicht eine Kür, sondern eigentlich eine Pflichtübung darstellt, sehr selten die Medikation ausgeschöpft ist und das Ziel noch nicht erreicht werden konnte.


Da sich das Ziel sehr individuell gestaltet, abhängig von bereits vorhandenen Begleiterkrankungen etc. und bitte nicht in erster Linie vom Alter abhängig ist, sollten wir wirklich gemeinsam alles daransetzen, um auch hier mit begleitenden Lebensstilmaßnahmen – hier ist vor allem, wenn irgendwie möglich, die Bewegung und die Gewichtsthematik – eine gute Einstellung zu erreichen.


Wenn dieses Blutdruckziel erreicht ist, bitte vorerst nicht gleich wieder selbstständig auf einzelne Medikationen verzichten, sondern NUR in ABSPRACHE mit dem Behandlungsteam Änderungen schrittweise vornehmen! Die oft sehr komplexen Zusammenstellungen der Blutdrucktherapie bedürfen einer gezielten Herangehensweise.


Natürlich können Medikamente auch hier reduziert werden, aber bitte gemeinsam mit Internistin oder Hausarzt und nicht allein in Absprache mit „Nachbarn, Freundin oder Ehegattin“!


Besonders heikel erscheint mir in meiner Alltagspraxis der Umgang mit den für uns so wichtigen, weil „besonders gefäßschützenden“ Strategien in der Therapie der erhöhten Blutfette. Natürlich ist dies besonders darauf zurückzuführen, dass in den Laborausdrucken zwar keine „falschen Zielebereiche“, aber zu ungenau definierte individuelle Zielbereiche für unsere Cholesterinspiegelmessungen. Diabetiker, die zusätzliche Risikofaktoren an Bord haben oder auch eine positive Familiengeschichte hinsichtlich Gefäßproblemen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Angina Pectoris etc., benötigen besonders niedrige Cholesterinspiegel im LDL-Bereich. 


Dies gelingt heute vielfach durch hocheffiziente Medikamente, aber damit verbunden sehe ich immer wieder zwei Problemsituationen. Einerseits werden auch Bereiche, die „knapp oberhalb des Zielbereiches“ liegen, akzeptiert und nicht versucht, die Betroffenen doch in den Zielbereich zu führen, andererseits wird bei Erreichen ganz exzellenter Werte die Medikation reduziert, meist mit dem Argument – „so niedrig brauchen sie nun wirklich nicht zu sein“ –, doch gilt in diesem Bereich im Gegensatz zu Blutzucker und Blutdruck der Grundsatz „je niedriger, desto besser“!


Daher bitte fragen Sie in allen drei Bereichen, Blutzucker, Blutdruck und auch Blutfette-Cholesterin, gezielt nach Ihren ZIELBEREICHEN und machen Sie es sich zu Ihrer Aufgabe, proaktiv diese erreichen zu wollen.


Abschließend möchte ich auch noch kurz auf die Thematik der einmal wöchentlichen INJEKTIONEN zur Verbesserung des Blutzuckers und des Gewichtes an dieser Stelle eingehen.


Auch hier kommt sehr oft die Frage an uns: Wie lange muss ich dies nehmen? Kann ich es absetzen, wenn der HbA1c-Zielbereich erreicht ist? Muss ich es immer nehmen?

Hier müssen wir grundsätzlich zwischen der antidiabetischen Therapie und zum anderen der rein gewichtsreduzierenden Therapie unterscheiden. Vonseiten der Diabetesindikation ist bei Zielerreichung bitte keine Änderung der Dosierung vorzunehmen und die Strategie mit der einmal wöchentlichen Gabe fortzusetzen! Hinsichtlich des gewichtsreduzierenden Effekts möchte ich anführen, dass nach Erreichen des individuellen Gewichtszieles gewiss eine Dosisreduktion sinnvoll und möglich ist.


Allerdings zeigte sich in allen Studien und auch in der Praxiserfahrung, dass ein komplettes Absetzen fast immer mit einer neuerlichen Gewichtszunahme einhergeht. Daher empfehle ich in diesen Fällen, eine niedrige Dosis als Dauertherapie zu verwenden. Diese Dauertherapiedosis ist allerdings sehr individuell und muss von den AnwenderINNEn in Erfahrung gebracht werden. Wie viel brauche ich, um den positiven Effekt der Therapie zu erhalten?


Zusammenfassend möchte ich an dieser Stelle nochmals anführen, wie wichtig es mir für einen langfristigen Therapieerfolg in all den genannten Bereichen ist, dass die Betroffenen proaktiv die Therapie verfolgen und nicht nur das betreuende Arzt- und DiabetesberaterInnen-Team dafür Verantwortung hat. Je informierter eine Patientin, ein Patient mit seinen gesundheitlichen Herausforderungen lebt, umso erfolgreicher wird sie/er sein.

Dr. Schelkshorn

Prim. Dr. Christian Schelkshorn

seit über 40 Jahren Typ-1-Betroffener
und mehr als 30 Jahre am LKH Korneuburg/Stockerau

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